Walther ETR 1

Der zusammen mit dem ETR 10 im Jahr 1969 erstmals vorgestellte ETR 1 ist der erste handliche elektronische Rechner von Walther. Schon der ausziehbare Griff an der Vorderseite weist darauf hin, daß dies eine Maschine ist, die man bequem mit einer Hand herumtragen kann. Der Rechner wiegt ohne Netzkabel 3835 g, mißt 33 * 26 * 10 cm (L*B*H) und verbraucht 16 Watt bei  220 Volt Netzspannung. Der ETR 1 wurde allerdings noch nicht von Walther selbst gebaut (dies kommt dem ETR 10 zu), sondern von Ricoh. Er hat daher auch keine Walther-Erzeugnisnummer.

Die Anzeige besteht aus zwölf Nixie-Röhren. Links davon gibt es zwei weitere Lampen: Unten ein Minuszeichen und oben ein Pfeil, der bei Kapazitätsüberschreitung aufleuchtet, also wenn man mehr als zwölf Stellen eingibt oder ein Rechenergebnis mehr als zwölf Stellen hat. Bei einer Multiplikation wird eine Kapazitätsüberschreitung, die nicht durch einen Übertrag entsteht, anhand der Stellenanzahl bei der Eingabe des zweiten Faktors erkannt, also schon vor Ausführen der Multiplikation.

Führende Nullen werden in der Anzeige nicht unterdrückt, es leuchten also immer alle zwölf Röhren. Die Ziffern und das Dezimalkomma wandern bei der Eingabe von rechts nach links durch die einzelnen Stellen.

ETR 1 Anzeige

Unterhalb der Anzeige befindet sich ein roter Plastikschieber, mit dem die Ziffern in Dreiergruppen eingeteilt werden können.
ETR 1
ETR 1 Bedienungsanleitung Die Bedieneinheit ist schlicht und übersichtlich aufgebaut. Links oben der Netzschalter, darunter der Festkomma-Einsteller.

Rechts vom Festkomma-Einsteller ist die Lösch-Taste. Sie löscht sowohl die Anzeige als auch das Rechenwerk.

Die Bedeutung der Zifferntasten und der Komma-Taste ist klar.

Es gibt zwei Ergebnis-Tasten: Rechts unten sitzt die große Addiertaste und rechts oben im Viererblock die rote Subtrahiertaste. Darunter die Mal-Taste und die Divisions-Taste. Die Stellenabstreich-Taste rechts oben im Viererblock dient zum Berichtigen von Tippfehlern: Die am weitesten rechts stehende Ziffer der angezeigten Zahl wird entfernt, und die restlichen Ziffern rücken nach.

Der Viererblock rechts vom Netzschalter enthält die Funktionen für das Speicherwerk: Die Festwert-Taste zur Übernahme des Anzeigewertes in das Speicherwerk, Subtrahier-Taste und Addier-Taste, um den Anzeigewert in den Speicher zu subtrahieren oder zu addieren, und die Zwischensummen-Taste, um den Speicher auszulesen. Der Speicher wird gelöscht, indem man 0 speichert, also die Anzeige löscht und dann die Festwert-Taste drückt.

Wenn die einrastende Übertragungs-Taste rechts oben gedrückt ist, werden Produkte automatisch in den Speicher addiert bzw. subtrahiert.
Der ETR 1 hat ein paar erwähnenswerte Eigenheiten:
  • Die Anzeige bleibt während des Rechnens eingeschaltet. Bei Multiplikationen und Divisionen sieht man für Sekundenbruchteile die Ziffern flackern.
  • Bei einer Division durch 0 gehen nach Drücken der Ergebnis-Taste alle Anzeigeröhren aus, und der Rechner läßt sich nur durch Drücken der Lösch-Taste wieder aufwecken.
  • Das gleiche geschieht, wenn man 0 durch irgendeine Zahl teilen will. Dann fällt der Rechner schon beim Drücken der Divisions-Taste in Tiefschlaf.
  • Drückt man in schneller Folge die Mal-Taste, eine Ergebnis-Taste und die Divisions-Taste, dann fällt der ETR-1 in einen seltsamen Zustand, in dem er wie wild zu rechnen scheint. Die Anzeige bleibt dabei eingeschaltet:
ETR 1 in seltsamem Zustand

Auch aus diesem Zustand kann man den Rechner nur mittels der Lösch-Taste befreien.

Walther Informationsdienst März 1970
Das Typenschild auf der Geräterückseite zeigt, daß der ETR 1 nicht von Walther, sondern von Ricoh in Japan gefertigt worden ist. Er hat keine Walther-Erzeugnisnummer und trägt auf den Platinen auch kein Walther-Zeichen. Der zusammen mit dem ETR 1 vorgestellte ETR 10 ist die erste hundertprozentige Eigenentwicklung von Walther und kann noch nicht gerade als Vorbild an Miniaturisierung gelten. Bei Walther selbst war man vermutlich noch nicht so weit, kleinere Geräte alleine herzustellen, wollte aber auch schon in den Markt für nichtdruckende Tischrechner einsteigen und hat daher den ETR 1 als Auftragsarbeit an Ricoh gegeben. Die Qualitätsvorgaben waren bestimmt streng!

ETR 1 Typenschild
Anzeige aus "Bürotechnik und Automatik" 1970
ETR 1 innen
Jetzt zu den inneren Werten.

Nach dem Lösen zweier Schrauben an der Gehäuseunterseite kann man den Deckel samt Tastatur abnehmen. Ein Blick ins Innere zeigt einen übersichtlichen modularen Aufbau. Neben den beiden Gehäuseteilen besteht der Rechner aus vier Baugruppen:
  • Tastaturmodul
  • Spannungsversorgungsmodul
  • Anzeigemodul
  • Hauptplatine
Tastatur und Anzeige sind über zwei breite Steckverbindungen an die Hauptplatine angeschlossen. Das Spannungsversorgungsmodul ist natürlich mit dem Netzschalter im Tastaturmodul verbunden. Außerdem läuft ein Spannungsversorgungskabel direkt vom Spannungsversorgungsmodul zum Anzeigemodul - die Betriebsspannung der Nixie-Röhren.

Unten im linken Bild sieht man den ausziehbaren Griff. Dieser ist auf jeder Seite mit einer Feder versehen. ETR 1 Tragegriff
Zunächst zur Tastatureinheit. Sie läßt sich leicht aus dem Gehäusedeckel herausschrauben. Das rote Kabel oben ist die Verbindung zwischen Netzschalter und Spannungsversorgungsmodul. Über die breite Steckerleiste erfolgt der Anschluß an die Hauptplatine.

ETR 1 Tastatureinheit Oberseite
Die Unterseite des Tastaturmoduls. Die Magnetschalter befinden sich auf kleinen Platinen senkrecht zur Bildebene.

ETR 1 Tastatureinheit Unterseite

Ein Ausschnitt. Es sind die Enden von sechs Magnetschaltern (Reedschaltern) zu sehen. ETR 1 Magnetschalter
Das Spannungsversorgungseinheit, aus der gleichen Richtung wie oben im Rechner. Das rote Kabel läuft zum Netzschalter im Tastaturmodul.

ETR Spannungsversorgung Oberseite
Der Blick von hinten. In der Mitte ist die runde Buchse für die Verbindung zum Anzeigemodul zu sehen. Rechts davon die Buchse für das Netzkabel.

ETR 1 Spannungsversorgung Rückseite
Die Anzeigeeinheit besteht im wesentlichen aus einem Rudel Treibertransistoren und Widerständen. Oben ist die Verbindung zur Spannungsversorgungseinheit zu erkennen, unten die Steckerleiste, mit der die Anzeigeeinheit mit der Hauptplatine verbunden wird.

ETR 1 Anzeigeeinheit Oberseite
Die Anzeigeplatine von unten. Keine besonderen Vorkommnisse.

Anzeigeeinheit Unterseite

Die Lampen für Kapazitätsüberschreitung und Minuszeichen und die linken drei Nixie-Röhren
ETR 1 Nixie-Röhren
ETR 1 Hauptschraube Wir kommen zu einem ganz wichtigen Bauteil des ETR 1: Die Rote Hauptschraube. Mit der Roten Hauptschraube wird die Hauptplatine hinten am Gehäuseboden befestigt, damit sie bei Erschütterungen nicht aus den Steckerleisten rutscht. Nach dem Lösen der Roten Hauptschraube kann man die Hauptplatine wie eine Schublade nach hinten aus dem Rechner ziehen.
ETR 1 Hauptschraube
ETR 1 Hauptplatine Oberseite

Am hinteren Rand ist die Aussparung für die Rote Hauptschraube zu sehen!
Und das ist die ETR 1-Hauptplatine mit der gesamten Tastatur- und Rechenlogik. Neben vier Transistoren sind hier 101 integrierte Schaltkreise von NEC versammelt:

 1 * µPD10  K9X11
 3 * µPD10  K9X36
 8 * µPD10  K9X93
 6 * µPD10  N9Y34
 3 * µPD12  K9X32
 1 * µPD12  K9X38
13 * µPD13  E9917
 2 * µPD13  E9927
 6 * µPD13  E9937
16 * µPD14  E9X32
14 * µPD14  E9X33
 2 * µPD14  E9X34
 2 * µPD15  E9X01
 1 * µPD15  E9X03
 4 * µPD15  E9X04
16 * µPD15  E9X06
 3 * µPD106 K9935
ETR 1 Hauptplatine Unterseite

Zwei Verbindungen haben wohl keinen Platz mehr in der gedruckten Schaltung gefunden.

Verweise:
www.vintagecalculators.com
Unser ETR 1 mit Pudel im Vintage Calculators Web Museum von Nigel Tout.
www.noeldner.de
Der ETR 1 von Dirk Nöldner.
www.cs.ubc.ca/~hilpert/eec
Die Early Electronic Calculator Technology Reference von Brent Hilpert behandelt  einige der ICs des ETR 1.

Rechenkasten Walther ETR-Ausstellung Markus Sigg, letzte Änderung: 14.4.2004, Historie