Walther ETR 2, ETR 3, ETR 4, ETR 5

Die im Jahr 1972 eingeführten Modelle ETR 2, ETR 3, ETR 4 und ETR 5, die einzigen Taschenrechner, die Walther hergestellt hat, sind wegen ihrer baulichen Übereinstimmungen hier gemeinsam ausgestellt. Die Walther-Taschenrechner sind 21*15*5 cm (L*B*H) groß und wiegen etwa 1030 g (ETR 2 und ETR 4, für Netzbetrieb) bzw. 1300 g (ETR 3 und ETR 5, für Netz- und Batteriebetrieb, davon 600 g Batteriegewicht). Die netzbetriebenen Modelle verbrauchen 6 Watt bei 220 Volt Netzspannung.

ETR 2 in Tasche
Zunächst mal: Wieso überhaupt "Taschenrechner"? Die Hemdtasche, die einen ETR 2 aufnehmen kann, müßte erst noch erfunden werden. Trotzdem:
  • Die Geräte haben ganz klar nicht das Aussehen von Tisch-, sondern von Taschenrechnern, und sie lassen sich trotz ihres Gewichts bequem mit zwei Händen halten und bedienen (mit den Daumen tippen!).
  • Der mobile Einsatz (Batteriebetrieb bei ETR 3 und ETR 5!) steht auch in der Walther-Werbung für diese Rechner im Vordergrund. Stichwort: Überall-Rechner.
  • Und ganz wichtig: Die Walther-Taschenrechnertaschen. Ein Rechner, der mit einer Tragetasche (elegante, schwarze Luxustasche) geliefert wird, darf zweifellos als Taschenrechner bezeichnet werden. In der Tasche für den ETR 3 und den ETR 5 ist auch Platz für das Ladegerät.
ETR 3 mit Ladegerät in Tasche
Die Informationsbroschüre zum ETR 2 / ETR 3 und verschiedene Zeitschriftenanzeigen zu den Überall-Rechnern:

ETR 2/3 Werbung, Seite 1
ETR 2/3 Werbung, Seite 2-3 ETR 2/3 Werbung, Seite 4
Man mag sich fragen, wie der oben links abgebildete Herr mit den zu kurzen Hosenbeinen durch den Kofferdeckel hindurch die Anzeige des Rechners abliest. Dazu muß man wissen, daß Architekte und Bauingenieure berufsbedingt die Fähigkeit haben, um Ecken und durch Wände zu sehen. Nur so erklärt es sich übrigens auch, daß diese Leute Dinge, die von Bauherren und anderen vernünftigen Menschen sofort als störend erkannt werden, überhaupt nicht wahrnehmen.
Anzeige aus "Zeitschrift für Datenverarbeitung", 1971
Anzeige aus "Bürotechnik" 1971 Anzeige aus "Bürotechnik" 1971 Anzeige aus "Bürotechnik" 1972
Im Folgenden werden fünf auch äußerlich unterscheidbare Varianten der Überall-Rechner vorgestellt. Über die Gründe für diese Vielfalt an Modellen und Erzeugnissen kann man nur raten. Vielleicht haben die Halbleiterzulieferer so schnell und oft ihre Chipsätze geändert?

ETR 2-2002221

Typenschild des ETR 2-2002221
ETR 2-2250462

Typenschild des ETR 2-2250462
ETR 3-2002230

Typenschild des ETR 3-2002230
Der ETR 2-2002221, das Modell für variable Netzspannung 110/220V. Der ETR 2-2250462 kann nur an 220V betrieben werden und hat keine Taste für die Wahl der Nachkommastellen. Der ETR 3-2002230 entspricht dem ETR 2-2002221, hat aber eine aufladbare Batterie und eine Anzeige für den Ladezustand.
ETR 4-2250845

Typenschild des ETR 4-2250845
ETR 5-2250900

Typenschild des ETR 5-2250900
Der ETR 4-2250845 für 220V-Betrieb hat anstelle der Taste für die Wahl der Nachkommastellen eine Taste zum Austauschen von Anzeige- und Rechenregister. Der ETR 5-2250900 entspricht dem ETR 4-2250845, hat aber wie der ETR 3 eine aufladbare Batterie und eine Anzeige für den Ladezustand.
Die Ziffernanzeige ist bei allen diesen Rechnern gleich: Acht Nixie-Röhren und links davon je ein minuszeichenförmiges Lämpchen für das Minuszeichen und ein dreieckiges Lämpchen zum Anzeigen einer Kapazitätsüberschreitung. Rechts von der Anzeige haben der ETR 2 und der ETR 4 eine Lampe, die bei eingeschaltetem Rechner leuchtet, während beim ETR 3 und beim ETR 5 dort eine Zeigeranzeige sitzt, an der man den Ladezustand der Batterie ablesen kann, wenn der Rechner nicht gerade mit dem Netzteil betrieben wird.  Die Anzeige sitzt der besseren Lesbarkeit wegen in einer Vertiefung. Zwischen Anzeigefenster und Tastatur ist ein Lüftungsgitter angebracht.
Blickt man durch dieses Lüftungsgitter, so sieht man auch im Rechnerinneren ein geheimnisvolles Leuchten. Was ist das? Eine Heizung für die mobile Rechnernutzung im Winter? Das wird erst weiter unten verraten!
Anzeige eines ETR 4 Batterieanzeige eines ETR 5
Lampe im ETR 4
Die Tastatur besteht aus drei Tastengruppen:

Im linken Viererblock (beim ETR 2-2250462 ein Dreierblock) sitzt oben die Gesamtlöschtaste. Sie löscht Anzeige- und Rechenregister, während die darunterliegende Korrekturtaste nur das Anzeigeregister löscht. Die dritte Taste von oben ist die Konstantentaste. Sie rastet beim Drücken ein, und wenn sie eingerastet ist, werden Multiplikatoren und Divisoren festgehalten. Ganz unten sitzt beim ETR 2 und beim ETR 3 die Kommavorwahltaste. Durch gleichzeitiges Drücken dieser Taste und einer der Tasten 0-7 wird die Anzahl der Nachkommastellen festgelegt. Nur beim ETR 2-2250462 fehlt diese Taste, und die Nachkommastellen werden mit der Korrekturtaste eingestellt. Beim ETR 4 und beim ETR 5 sitzt an dieser Stelle die Wechseltaste, die den Inhalt von Anzeige- und Rechenregister auswechselt. Das ist zum Beispiel nützlich, wenn man den Kehrwert eines Rechenergebnisses wissen will: Man tippt ":" "1" Wechseltaste "=".

Der mittlere Tastenblock enthält die Zifferntasten und die Komma-Taste. Bemerkenswert ist, daß das Komma in der Anzeige beim Eingeben von Ziffern nicht wandert, sondern fest am eingestellten Platz bleibt. Der Vorkommateil der Zahl läuft beim Eingeben nach links, bis die Kommataste gedrückt wird. Beim Weitertippen werden die Nachkommastellen aufgefüllt.

Im rechten Tastenblock sind die Addiertaste, die Subtrahiertaste, die Maltaste, die Divisionstaste und die Ergebnistaste. Sie werden benutzt wie in einem modernen Taschenrechner, und nicht so, wie es in älteren Rechnern (wie auch dem ETR 1) üblich war. Um eine Subtraktion auszuführen, tippt man zum Beispiel Minuend "-" Subtrahend "=".

Außerdem sitzt rechts oben die Einblicktaste. Die Walther Überall-Rechner haben nämlich eine Rechenkapazität von 16 Stellen! Angezeigt werden die unteren oder die oberen acht Stellen, und mit der Einblicktaste kann man dazwischen umschalten. Wenn die oberen acht Stellen einer Zahl, die weniger als neun Stellen hat, angezeigt werden, erlischt die Anzeige ganz.

Die Vorteile des ETR 4 / ETR 5 gegenüber dem ETR 2 / ETR 3:
  • Die zusätzliche Wechseltaste.
  • Beim ETR 2 / ETR 3 kann man nur achtstellige Zahlen eingeben, beim ETR 4 / ETR 5 volle 16 Stellen.
  • Beim ETR 2 und beim ETR 3 muß nach dem Einschalten zuerst die Gesamtlöschtaste gedrückt werden, um die Rechner in einen sauberen Zustand zu bringen. Danach sind sie auf null Nachkommastellen eingestellt.
  • Der ETR 4 und der ETR 5 sind nach dem Einschalten schon rechenbereit und auf zwei Nachkommastellen eingestellt.
Alle Modelle werden über einen an der rechten Gehäuseseite angebrachten roten Schalter in Betrieb genommen. An der Gehäuserückseite sitzt beim ETR 2 und beim ETR 4 die Büchse für das Netzkabel. Beim Einstecken des Netzkabels muß man ein bißchen vorsichtig sein: Es ist schwergängig, und die Büchse ist nicht am Gehäuse befestigt, sondern an der Rechnerplatine. Beim ETR 3 und beim ETR 4 findet mant statt dessen hinten die Buchse für das Ladegerät, eine fünfpolige Standard-Diodenbuchse, von der aber nur drei Pole belegt sind.

Netzbuchse eines ETR 4 NEtzbuchse eines ETR 5
Netzschalter eines ETR 4
Vom ETR 3 wurden, vermutlich zu Vorführ- und Werbezwecken, auch einige Exemplare mit einem halbtransparenten Gehäuse hergestellt (Bilder: Kurt Nolte):

ETR 3-2002230 transparent ETR 3-2002230 transparent unten ETR 3-2002230 transparent Typenschild


ETR 3-2002230 transparent links


ETR 3-2002230 transparent rechts
Wir kommen zu den Innereien der Walther Überall-Rechner. Wer so einen Rechner öffnen will, stößt gleich auf eine Schwierigkeit: Die Schrauben an der Gehäuseunterseite sind in der Regel mit Plastikkappen verdeckt. Dieser Schutz richtet sich wahrscheinlich weniger gegen Umwelteinflüsse, sondern eher gegen neugierige Leute, die vor allem während der Garantiezeit daran gehindert werden sollen, am Rechnerinneren herumzuhantieren. Um die beiden Schrauben in der Mitte des Gehäusebodens zu lösen, mit denen das Gehäuseoberteil am Gehäuseunterteil befestigt ist, muß man die zugehörigen Plastikdeckel entfernen. Es scheint dazu keinen anderen Weg zu geben, als mit einem nadelartigen Gegenstand in den Randbereich der Deckelchen zu picken und diese dann rauszuhebeln. Sie werden dabei natürlich beschädigt oder zerstört. Man sollte ihnen nicht nachtrauern. Und die Garantiezeit ist eh schon abgelaufen.

Sobald diese Hürde genommen ist, ist es aber kinderleicht, die Überall-Rechner bis zur letzten Schraube und Feder zu zerlegen.
Gehäuseboden eines ETR 2
An der Gehäuseunterseite bemerkt man übrigens oberhalb des kleineren Lüftungsgitters ganz schwach eine glatte Kreisfläche (siehe links). An dieser Stelle ist bei den Modellen für variable Netzspannung ein Loch, durch das man Zugang zum 110/220V-Umschalter hat (siehe rechts): Bei allen Modellen wird die gleiche Rohform des Gehäuses benutzt. Spannungsumschalter eines ETR 2
Unterseite eines ETR 4
Nach dem Entfernen der beiden mittleren Schrauben läßt sich der Gehäusedeckel abnehmen. Jetzt findet auch das erwähnte Leuchten im Rechnerinnern eine Erklärung: Die Glimmläpchen für die Betriebsanzeige, das Minuszeichen und den Kapazitätsüberlauf sind auf der Rechnerplatine angebracht. Das Licht wird über Lichtleiter aus durchsichtigem Plastik, die am Gehäusedeckel befestigt sind, zu den Sichtfenstern an der Rechneroberseite gebracht. Erstaunlich!

Lichtleiter eines ETR 2

Auf der Hauptplatine der Rechner erkennt man drei funktionale Einheiten: Hinten die Anzeige, in der Mitte die Spannungsversorgung, und vorne die Logikbausteine, im Bild rechts von der Tastatur verdeckt. Beim ETR 2 und beim ETR 4 besteht die Spannungsversorgung aus einem Netzteil mit Transformator. Beim ETR 3 und beim ETR 5 fehlt diese Einheit, und an ihrem Platz sitzen die Batterie und eine zusätzliche kleine Platine.
Inneres eines ETR 2
Wir wenden uns der Tastatureinheit zu. Diese ist auf die Hauptplatine aufgesteckt und kann nach dem Lösen von vier Schrauben abgezogen werden. Sie besteht aus einer Platine mit den Magnetschaltern, einer Zwischenplatte und den Tasten selbst.

Tastatur eines ETR 2
Auch die Tastatur des ETR 2-2250462, der ja eine Taste weniger als die anderen hat, weist Bohrungen für die fehlende Taste auf.

Die Tasten lassen sich leicht herausdrücken. Jede besteht aus drei Plastikteilen: Tastenkappe, Metallfeder und Tastenkörper mit eingeklebtem Magneten. Die Konstantentaste besitzt zusätzlich einen metallenen Einrastmechanismus.

Taste eines ETR 2 Zerlegte Taste eines ETR 2
Die Tastatureinheit wird zerlegt, indem man zwei Spannfedern löst, und zerfällt dann in die Platine, die Zwischenplatte, vier dicke und zwei dünne Metallbolzen und ein Metallplättchen.

Von der Tastaturplatine, die die Magnetschalter, einige Drahtbrücken und die Steckverbindung zur Hauptplatine enthält, gibt es mehrere Varianten. Im ETR 2 und im ETR 3 sind solche mit den Bauteilenummern 2191954 und 2191954c. Das hat aber offenbar nichts mit den ETR 2-Erzeugnissen mit / ohne Kommavorwahltaste zu tun - bei der Variante ohne diese Taste fehlt bloß der entsprechende Magnetschalter. Im ETR 4 und im ETR 5 findet man das Bauteil 2259273.
Tastaturplatine 2191954
2191954
Tastaturplatine 2191954
Tastaturplatine 2191954c 2191954c Tastaturplatine 2191954c
Tastaturplatine 2259273 2259273
Tastaturplatine 2259273

Auch die Zwischenplatte aus Metall gibt es in zwei Ausführungen, die ohne erkennbare Regel verbaut wurden. Die eine hat eine dicke schwarze Gummischicht, um den Tastananschlag abzufedern, die andere hat für diesen Zweck nur unter den breiten Tasten je zwei Plastiknoppen:
Tastaturplatte eines ETR 2
Tastaturplatte eines ETR 3
Genug von der Tastatur, zur Hauptplatine, die mir vier Schrauben am Gehäuseboden befestigt ist. Auch von ihr gibt es natürlich verschiedene Ausführungen, aber die Unterschiede zwischen Rechnern für Netz- und Batteriebetrieb etwa entstehen erst durch die Bestückung der Platine. Zum Beispiel wird die Platine mit der Bauteilnummer 2192748C sowohl im ETR 2-2002221 als auch im ETR 2-2250462 und im ETR 3-2002230 eingesetzt. Die beim ETR 3-2002230 auch anzutreffende Platine 2192748a scheint älter zu sein. Im ETR 2 sitzt in der Platinenmitte das Netzteil, beim ETR 3 die Batterie und eine zusätzliche Platine. Ähnlich sind die Unterschiede zwischen ETR 4 und ETR 5, wo die Platine 2259214 eingesetzt wird.

Hauptplatine eines ETR 2-2250462 Hauptplatine eines ETR 2-2002230 Hauptplatine eines ETR 5-2250900

Die Ziffernanzeige besteht bei allen Überall-Rechnern aus acht Nixie-Röhren vom Typ NEC LD8007. Links im mittleren Bild leuchtet auch die Minusanzeige:
Nixie-Röhren eines ETR 3 von vorn Nixie-Röhren eines ETR 2 Nixie-Röhren eines ETR 3 von hinten

Beim ETR 3 und beim ETR 5 sitzt zwischen Anzeigeeinheit und Batterie eine Steckkarte. Ihre Aufgabe ist es vermutlich, aus der Batteriespannung die höhere Spannung für die Nixie-Röhren zu erzeugen. Man findet beim ETR 3 sowohl das Bauteil 2192926a als auch das Bauteil 2192926b. Das letztere wird auch beim ETR 5 verwendet.
Platine 2192926a
Platine 2192926b

Ganz vorne auf der Hauptplatine, unter der Tastatur, sitzt das Herz der Maschine. Beim ETR 2 und beim ETR 3 besteht es aus sechs integrierten Schaltungen, der ETR 4 und der ETR 5 kommen mit nur noch vier integrierten Schaltungen aus. Beim ETR 2 und beim ETR 3 ist vermutlich der linke Baustein, ein FDY 1508-5005, für die Anzeige zuständig und der rechte, ein FDY 140-5004 oder FDY 310-7014 für die Tastatur. Diese beiden Bauteile findet man auch im ETR 4 und im ETR 5:

ETR 2 / ETR 3
ETR 4 / ETR 5
FDY 1508-5005 (links)
FDY 160-5014
FDY 120-5013
FDY 170-5017
FDY 110-5001
FDY 140-5004 oder FDY 310-7014 (rechts)
FDY 150-5005 oder FDY 1508-5005 (hinten links)
FDY 310-7014 oder FDY 3108-7014 (hinten rechts)
FDY 280-7008 oder FDY 2808-7008 (vorne links)
FDY 190-7010 (vorne rechts)

Logikbausteine eines ETR 2-2250462
Logikbausteine eines ETR 3-2002230 Logikbausteine eines ETR 5-2250900

Verweise:
www.devidts.com
Der ETR 2 von Serge Devidts.
www.tcocd.de
Der ETR 2 von Andreas Tabak.
www.uni-greifswald.de
Der ETR 4 in der Rechentechnischen Sammlung der Uni Greifswald.
www.devidts.com
Der Contex D11 benutzt fast den gleichen Chipsatz wie der ETR 2 und der ETR 3.

Rechenkasten Walther ETR-Ausstellung
Markus Sigg, letzte Änderung: 2.6.2005, Historie